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01/07/2016

Hausgemeinschaft „Leipziger Straße“ in Finsterwalde

Der Umzug von Cottbus in ein gemeinsames Haus nach Finsterwalde war weder eine Rückkehr in den Heimatort, noch ein Zuzug nach klassischem Muster. Für die Bewohner der Hausgemeinschaft in der Leipziger Straße war es der konsequente Schritt zu mehr Lebensqualität und Selbstbestimmung. Doch manchmal braucht das Naheliegende den richtigen Zeitpunkt.

Vom Marktplatz westlich gelegen, schlängelt sich die Leipziger Straße durch Finsterwalde. In der Hausnummer 44 leben seit 2011 zwölf Personen, sechs Erwachsene und sechs Kinder, sprichwörtlich unter einem Dach zusammen. Jede der drei Familien hat ihren eigenen Wohnbereich, der Hof und der Garten werden gemeinsam genutzt. Kennengelernt hatte sich die Hausgemeinschaft in Cottbus.

Welche Motive gab es für den Umzug nach Finsterwalde?
Für die meisten Rück- und Zuwanderer ist ein passender Arbeitsplatz eine Grundvoraussetzung für einen permanenten Ortswechsel, in diesem Fall waren die beruflichen Perspektiven schon lange vor dem Umzug geklärt. Die Architektin Judith Poller und Christian Trunte arbeiten seit mehr als zehn Jahren im eigenen Architekturbüro in Finsterwalde. Oder Lars Weber, er ist seit beinahe fünfzehn Jahren in der örtlichen Kreismusikschule tätig. Mit dem Umzug von Cottbus in die Sängerstadt fand für sie das zeitraubende Pendeln zum Arbeitsplatz ein Ende. Heute lässt sich der Arbeitsweg bequem mit dem Fahrrad zurücklegen. Die größte Strecke muss Albertine Anoma Chateauneuf zurücklegen. Die 41-jährige gebürtige Französin arbeitet als Lehrerin im zwölf Kilometer entfernten Doberlug-Kirchhain.

Bei der Wahl der Wohnform ging es ursprünglich nicht darum, ein eigenes Haus zu besitzen, entscheidend war der Wunsch, gemeinsam mit Freunden an einem Ort zusammenzuleben. „Das ist das größere Argument gewesen, es ging von vornherein nicht darum, ein eigenes Haus oder eine eigene Wohnung zu entwickeln, sondern eher ein gemeinschaftliches Wohnkonzept umzusetzen, wie man wohnen möchte“, betont Judith Poller. Nachdem verschiedene Varianten geprüft wurden, schien schließlich die Übernahme eines innenstadtnahen Gebäudes dafür am besten geeignet. Mit den Erfahrungen der Architekten im Team und der gegenseitigen Unterstützung war es den einzelnen Familien möglich, die eigenen Vorstellungen vom Wohnen umzusetzen. So kann beispielsweise Musiklehrer und Perkussionist Lars Weber sich in seinem eigenen Proberaum nach Belieben ausleben, ohne jemanden dabei zu stören.

Durch den Umzug nach Finsterwalde sei das Leben einfacher und stressfreier geworden, sagen die Bewohner übereinstimmend, die Lebensqualität habe spürbar zugenommen. „Weil wir so wie jetzt in Finsterwalde zentrumsnah und gemeinsam wohnen, ist man aktiver, geht ins Kino, verbringt gemeinsam die Zeit“, stellt Albertine Anoma fest. Für die „Altstadthelden“, das Land Brandenburg hat ihnen 2014 diesen Titel für die Sanierung des Hausensembles aus dem 19. Jahrhundert verliehen, bietet die Stadt fußläufig alles, was gebraucht wird: Einkaufsmöglichkeiten, Schwimmhalle, Bibliothek. „Egal wo man in Finsterwalde hin muss, es sind maximal zehn Minuten Weg dorthin.“ Die kulturellen Angebote sind im Vergleich zu Cottbus zwar überschaubar, aber sie können intensiver genutzt werden, weil mehr Zeit zur Verfügung steht. Und wenn Lust nach Großstadtflair aufkommt, Finsterwalde ist zentral gelegen zwischen den Ballungszentren um Dresden, Leipzig und Berlin.

Für die Kinder im Haus bietet Finsterwalde das ideale Umfeld. Sie nutzen den Hof zum Spielen, beschäftigen sich selbst miteinander. „Die Kinder sind hier relativ sicher“, so Lars Weber, „sie können frühzeitig selbständig ihre eigenen Wege gehen.“

Wie war es, in Finsterwalde anzukommen?
Für Judith Poller, wie für die meisten ihrer Mitbewohner, hat es eine Weile gedauert, sich an das kleinstädtische Leben von Finsterwalde zu gewöhnen. Aber nach zwei Jahren konnten sie es genießen, den Schritt gegangen zu sein. Seitdem hat es manchen Überraschungsmoment gegeben, beim regelmäßigen Besuch des örtlichen Kinos, wenn ihnen interessante Menschen auf Straßenfesten begegnetet sind oder wenn ganz unerwartet private Initiativen entdeckt werden. „Wir sind häufig von Events wiedergekommen und haben gedacht: Mensch, ist es schön, dass es sowas hier gibt! Wer hätte das gedacht!“

Was kann getan werden, um Zuzug in die Region zu fördern?
Bei einer geplanten Rückkehr oder einem Zuzug ist für Judith Poller vor allem der persönliche Einsatz des Einzelnen entscheidend, erst einmal sei Selbsthilfe gefragt. Wenn Städte und Gemeinden neue Bewohnerinnen und Bewohnen für sich gewinnen wollen, sollten sie diese direkt ansprechen und aktiv auf sie zugehen, findet die Hausgemeinschaft. Den Ankommenden, egal ob Rückkehrer oder Zuwanderer, sollten zumindest keine Steine in den Weg gelegt werden, besser noch sollte ihnen signalisiert werden, einfach willkommen zu sein. Diese positive Erfahrung haben die „Baupioniere“ in Finsterwalde gemacht. Die Stadt hat sie konstruktiv unterstützt, als es um Genehmigungen für die Sanierung des Gebäudes oder um die Betreuung der Kinder ging. „Man konnte sich sicher sein, dass wir auch für die Kinder wunschgemäß einfach hier einen Kita-Platz bekommen. Die Einschulung hat geklappt, wo wir das wollten. Das war alles sehr komfortabel hier“, erinnert sich Christian Trunte. Und Albertine Anoma ergänzt: „Wir waren der festen Überzeugung, dass wir hier willkommen sind.“

 

Interview und Text: Michael Hacker
Foto: Steffanie Fiebrig