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20/04/2016

Rückkehrer-Porträt: Sören Hoika aus Großräschen

Sören Hoika ist in Altdöbern und Großräschen aufgewachsen. 2001 verlässt er die Lausitz, wie so viele andere seines Jahrgangs. Zehn Jahre später kehrt er zurück, baut gemeinsam mit seinem Vater ein Unternehmen auf und findet etwas, das es damals für Jugendliche in Großräschen nicht zu geben schien: Eine Zukunft.

Sören Hoika ist in einer Branche tätig, die noch vor zehn Jahren in Großräschen kaum eine Rolle spielte. Der Tagebau prägte die Landschaft, die im Zuge der Internationalen Bauausstellung von 2000 bis 2010 renaturiert und umgestaltet wurde und noch immer wird.  aktiv tours, wie Sören Hoika sein Reisebüro für das Lausitzer Seenland genannt hat, ist nun zu einem Vorreiter in Sachen Tourismus geworden. Wie die meisten Mitarbeiter der iba-aktiv-tours ist der Diplom-Soziologe Sören Hoika ein beruflicher Quereinsteiger. Gelungen ist das vor allem deshalb, weil Hoika bereit war, sich auf den neuen Beruf einzulassen, dazuzulernen und den eigenen Horizont zu erweitern. „Man geht mit der Landschaft mit. So wie sich die Landschaft verändert, verändert man sich selbst auch“, sagt er.

Welche Motive gab es für das Verlassen der Heimatregion?
Seine Gründe, Großräschen zu verlassen, waren vielfältig. Er entschied sich zunächst für den Studiengang Soziologie, den es mit dieser Ausrichtung nur an der TU Dresden gab. „Das ist sehr technisch, relativ viel Statistik, Mathematik. Es wird wissenschaftlich im klassischen Sinne betrieben. Das hat mich gereizt.“ Ihm gefiel aber auch die Stadt selbst. „Ich wollte eigentlich an der Uni bleiben. Ich habe mich deutschlandweit auf Uni-Stellen beworben und in Dresden auch als Tutor für die Uni gearbeitet.“ An eine Rückkehr in die alte Heimat dachte er nicht. Wer aus seinem Abiturjahrgang zum Studium ging, der ging für immer. „Das wurde nicht diskutiert, es war völlig klar, dass es hier erst einmal keine Perspektive gibt. Das sieht heute anders aus.“ Und schließlich behagte ihm in Dresden auch die Lebensart. „Was in meiner Zeit in Großräschen fehlte, war diese intellektuelle Umgebung. Hier lebten Bergarbeiter. Die waren sehr pragmatisch. Man hatte kaum Zeit für Kultur, Kunst, Diskussionen. Jetzt, durch die IBA, gibt es das. So eine kleine intellektuelle Insel. Das kann man auch hier haben. Aber das gab es damals nicht, und es war auch nicht absehbar.“

Wie gelang die Rückkehr?
Obwohl er keine touristische Ausbildung hat, verfügt Sören Hoika inzwischen über fundierte Kenntnisse im Bereich Reiseveranstaltung. Sein Vater hatte sich 2003 als Busunternehmer selbstständig gemacht. Sören Hoika unterstützte ihn von Anfang an dabei, reparierte Computer, schrieb Flyer oder übernahm Führungen, wenn einmal Not am Mann war. „Ich habe gemerkt, dass mir das unheimlich viel Spaß macht. Das hat natürlich die Entscheidung 2010 leichter gemacht.“ Das Arbeitsamt bewilligte ihm ein Existenzgründer-Seminar, er absolvierte ein Praktikum bei der IBA und lernte, wie der Tourenservice dort funktionierte. Als sich die IBA 2010 planmäßig zurückzog, war Sören Hoika bereit, den Bereich Bildungstourismus in Großräschen zu übernehmen und der Firma seines Vaters eine Filiale hinzuzufügen.

Was beruflich gut gelang, gestaltete sich im Privaten etwas schwieriger. Beinahe alle Schulfreunde leben mittlerweile anderswo. „Es haben sich langsam wieder neue Verbindungen gebildet. Meist mit Kollegen aus dem touristischen Bereich, die in meinem Alter sind und ähnliche Erfahrungen machen, ähnliche Sachen entdecken.“

Sören Hoika ist neugierig und umtriebig geblieben. Für das IBA Studierhaus betätigt er sich ehrenamtlich, ebenso für den Förderverein des Hauses der Landwirtschaft und des Großräschener Weinbaus. Er ist Prüfer der IHK für den Beruf „Kaufmann für Tourismus und Freizeit“, er begleitet die deutsche Zentrale für Tourismus durch den Osten Deutschlands. Und nicht zuletzt: „Im Karnevalsverein wurde ich sofort wieder aufgenommen, als wäre keine Zeit vergangen.“

Was können die Kommunen tun, um Rückkehr und Zuzug leichter zu machen?
Sören Hoika hat für seine Branche außerordentlich gute Bedingungen vorgefunden. „Man muss wirklich sagen, dass wir großes Glück haben. Der Tourismus ist in der Region so etwas Kurioses, dass sich die Leute darüber freuen und es fördern.“ Etwas verbessern lässt sich natürlich immer. „Was mir in Großräschen manchmal fehlt, ist die letzte Überzeugung, dass der Tourismus in der Region wirklich Profit bringt.“ Aber Hoika ist optimistisch: „Großräschen wird da auch hin kommen.“

Würden Sie dazu raten, sich hier niederzulassen oder zurückzukehren?
„Ja!“ Das sagt er ohne zu zögern. „Ich kenne viele mittelständische Unternehmen, die sich hier selbstständig gemacht haben. Eine Firma recycelt Kabelbäume, eine andere stellt große Industriesiebe her und ist damit europaweit führend. Es gibt viele solcher Geschichten, die Entwicklung zeigen. Gerade im technischen Bereich gibt es Perspektiven, wo man sagen kann: Es lohnt sich.“

Was bedeutet Heimat für Sie?
„Es hat, und das sage ich vielleicht als Soziologe, wohl eher mit den Menschen zu tun, die einen umgeben, bei denen man sich zuhause fühlt. Mit dem Ort hat es weniger zu tun. Die alte Landschaft meiner Kindheit war der Tagebau. Die vermisse ich nicht. Das war so normal. Es gibt hier immer noch aktiven Tagebau. Wenn ich wirklich will, kann ich das sehen. In der Region war eigentlich der Wandel die einzige Konstante. Es hat sich deutlich verändert in den zehn Jahren, in denen ich nicht hier war. Es hat sich auch viel in den Köpfen der Menschen getan.“

 

Interview: Ariane Böttcher
Foto und Text: Steffanie Fiebrig